Haarlos – aber nicht kopflos

Die wohl bekannteste Nebenwirkung einer aggressiven Chemotherapie ist der Haarausfall.

Zunächst einmal sei gesagt, dass es viele Arten der Chemotherapie gibt und nicht alle zum Haarausfall führen. Bei den Medikamenten, die zur Behandlung von Brustkrebs zur Verfügung stehen, ist es jedoch die Regel, dass ein Haarverlust früher oder später eintreten wird. Nachdem ich meine Diagnose erhielt, wurde ich von den Ärzten auch sofort darauf vorbereitet, dass meine Haare ausfallen werden und bekam ein Rezept für eine Perücke mit, die ich mir im Frisörsalon bestellte. In meiner Umgebung hörte ich auch ständig den Satz: “Oh nein, deine schönen langen Haare!” Auch wurde davon ausgegangen, dass es für Frauen besonders schlimm sei. Tatsächlich lernte ich in der Chemozeit einige Frauen kennen, die sehr unter dem Haarverlust litten. Der Großteil nahm dies allerdings als gegeben an.

Wie ich mit dem Haarverlust klar kam? Mir war das vollkommen egal. Zunächst einmal waren mir alle Nebenwirkungen, die temporär waren, egal. Mir zeigte der Haarverlust, dass die Chemo wirkte, meine Zellen auf die Therapie ansprachen und mir somit halfen gesund zu werden. Für mich war das veränderte Aussehen ein kleiner Preis dafür, die Chance zu bekommen, meine Kinder aufwachsen zu sehen. Zudem habe ich durch meine haarlose Zeit tatsächlich auch viel Schönes lernen können.

Mein Mann und meine Kinder sind so selbstverständlich damit umgegangen; ich fühlte mich so sehr geliebt, wie noch nie zuvor. Ohne von Äußerlichkeiten abgelenkt zu sein, spürte man einfach diese tiefe Verbindung zwischen Menschen, die sich lieben und das war wunderbar. Meine Familie machte es mir leicht, damit umzugehen und es einfach als normal anzunehmen. Meine Perücke trug ich vielleicht 3mal zu besonderen Anlässen, ansonsten trug ich Mützen. Das passte sowieso ganz gut, da gerade Winter war und ich nicht so sehr auffiel.

Zugegeben braucht man schon ein sehr gutes Selbstbewusstsein und Menschen, die einen lieben, um sich von der Haarlosigkeit nicht runter ziehen zu lassen. Man sieht einfach anders aus, man sieht krank aus und erkennt sich im Spiegel kaum wieder. Ich empfand es einfach als unangenehm, weil es unglaublich kalt war und mir meine morgendliche Routine der Haarpflege fehlte. Auch jetzt mit meinen noch kurzen Haaren fehlt es mir, meine Haare zu flechten oder ähnliches – da bin ich froh, dass ich das bei meiner Tochter machen kann. Und meine Haare wachsen wirklich schnell und toll!

Den Haarverlust auf dem Kopf fande ich persönlich übrigens weniger schlimm, als am Körper. Als die Wimpern und Augenbrauen ausfielen, sah ich einfach so krank aus. Das erste was ich morgens tat, war mich zu schminken, damit ich mich wohl fühlte. Das machte mich dann schon manchmal traurig, dass ich mich schminken musste, um mich überhaupt unter Leute zu trauen. Aber realistisch gesehen, macht das wohl ein Großteil der gesunden Frauen sowieso.

Die Kopfhaare begannen ca. 10 Tage nach meiner ersten Chemo auszufallen. Ich habe nicht lange gewartet und mir beim Frisör die Haare gleich abrasieren lassen und habe meine Perücke abgeholt. Ich wollte nicht zusehen, wie nach und nach überall Haare in der Wohnung liegen und nichts halten, was nicht bleiben kann. Immerhin konnte ich in einer Zeit des totalen Kontrollverlusts noch selber bestimmen, wann ich meine Haare verliere. Als ich mich dann im Spiegel sah, kam mir der Gedanke “Wie siehst du jetzt nur aus. Ob die Kinder nun Angst bekommen?” Da liefen mir schon ein paar Tränen über die Wange. Mein Mann hatte mich zum Frisör begleitet, küsste mich und sagte, ich sei wunderschön und meine tollen Augen kämen nun viel besser zur Geltung. Wenn ich zu Hause mit Mütze rum lief, sagte er immer, ich solle das nicht tun, weil ich ohne viel besser aussehen würde. Er hat mir so viel Mut, Kraft und Sicherheit gegeben und ich bin ihm so dankbar dafür! Meine Augenbrauen und Wimpern fielen ca. nach 2,5 Monaten nach meiner ersten Chemo aus.

Ich machte in der Zeit einen Schminkkurs vom DKMS, der ganz tolle Tipps mit sich brachte, sodass der Haarverlust im Gesicht kaum auffiel. Ich möchte jedem ans Herz legen für dieses tolle Projekt an die DKMS zu spenden, da die Seminare kostenfrei für die Patientinnen sind und über Spenden finanziert werden.

Etwa 6 Wochen nach meiner letzten Chemo begannen meine Haare dann wieder zu wachsen. Die Augenbrauen und Wimpern waren recht schnell binnen 3 Wochen wieder da, fielen aber zunächst immer wieder aus, aber das konnte man gut kaschieren. Meine Haare ließ ich zunächst zwei Monate wachsen. Da sie durch die Chemo zunächst weiß wieder kamen, ließ ich sie mir dann bei Frisör tönen und ein wenig zurecht schneiden. Es war ein so unbeschreibliches Gefühl wieder ohne Mütze unterwegs zu sein und sich keine Gedanken zu machen, wo die Mütze ist, bevor man die Haustür öffnet.

Aberwie gesagt: Die Mütze begleitete mich ca. 7 Monate -ein kleiner Zeitraum meines Lebens. Man muss versuchen, sich und die Situation zu akzeptieren und etwas Schönes daraus mitzunehmen. Ich habe durch die Erfahrung mehr zu mir gefunden, als  jemals zuvor.

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